Der September ist der neue Januar
Der September ist der neue Januar.
Dann klopfen die Juni-Vorsätze „Ist mir egal, es ist Sommer, da geht noch ein Eis“, die Juli-Vorsätze „Scheiß drauf, ich wäre ja blöd, auf einem Festival Wasser zu trinken wie so eine Pflanze“ und schließlich die August-Vorsätze „Jetzt ist es auch egal, im September bringe ich mich wieder in Form“ zwar vielleicht nicht an die Kühlschranktür, aber ganz sicher schon in den Köpfen an.
Wie weit weg dieser verdammte September im Juni noch war. Wie beruhigend es war, dich den ganzen Sommer lang damit zu trösten: „Macht nichts, jetzt zählt gar nichts“, denn der September kommt ja, und dann fängst du an. Jetzt ist Sommer, jetzt ist es mir egal, jetzt sollen mich alle in Ruhe lassen …
Tja, da sind wir.
ES IST DER ERSTE SEPTEMBER, MEINE LIEBEN, IHR KÖNNT EURE VORSÄTZE EINLÖSEN ODER EUCH VOR DEN SPIEGEL STELLEN UND EUCH EIN WEITERES MAL, WER WEISS SCHON ZUM WIEVIELTEN MAL, NACH EINEM WIEDER GESCHEITERTEN VORSATZ INS GESICHT SPUCKEN.
Die alten Hasen und erfahrenen Aufschieber haben bis dahin schon wieder neue Argumente parat, warum es ausgerechnet jetzt nicht geht und sie auf gar keinen Fall anfangen können. Sie müssen nur auf den Kalender schauen und haben schon die Lösung, denn HALLOOO, der 1. September fällt auf einen Dienstag, und wie es in der Bibel der alten, charakterlosen Niemanden geschrieben steht: Mit Diät und Sport fängt man nicht vor Montag an. Du hast also noch ganze 6 Tage Zeit, dir einzureden, dass du anfängst, obwohl wir beide wissen, dass du am Montagnachmittag nur mit Selbstmitleid anfangen wirst, mit einem verdammt großen Muffin im Gesicht.
Zwei Septemberwochen vergehen, und der 1. Oktober ist schon näher als Anfang September. Und wie sieht das denn aus, mitten im Monat einfach mit etwas anzufangen?
NEIN.
Am ersten Oktober fängst du dann an, aber diesmal wirklich, ganz im Ernst. Vielleicht gehst du sogar los und kaufst dir Laufschuhe, denn wie wir wissen, ist der Kauf von Laufschuhen schon der halbe Erfolg. Laufschuhe und anderes Zubehör zu kaufen ist der Inbegriff von Motivation.
Im Oktober wirst du dann traurig feststellen, dass es draußen kalt ist. Und ob. Nicht irgendeine Kälte, sondern 12 Grad, und dazu weht noch der Wind, und Gott bewahre, es regnet auch noch. Bei so einem Wetter gehst du nicht laufen, sondern lieber in ein geiles Fitnessstudio, da ist es schließlich warm. Aber dann rattert dein Gehirn schon wie verrückt: Okay, Fitnessstudio, aber warum ist das jetzt nichts für dich? Was wird hier der Grund sein, weshalb du nicht regelmäßig hingehen kannst?

Du bist darin ja schon erfahren, schließlich schleppst du dich seit Jahren mit + x Kilo herum. Der Eintritt ins Fitnessstudio ist kein Hindernis, den kannst du bezahlen. Zwar findest du die 10.000 Forint für die Mitgliedschaft etwas happig, und währenddessen formulierst du in Gedanken sorgfältig: Ja, stimmt, ein gesunder Lebensstil ist tatsächlich ganz schön teuer. An diesem Punkt soll es dich auf keinen Fall verwirren, dass du in den letzten vier Tagen genauso viel Geld für beschissenes Essen ausgegeben hast: für Pizza zum Mitnehmen, bei Princess auf dem Heimweg von der Arbeit oder als du wegen Waschpulver in den nahe gelegenen CBA gegangen bist. Dabei sind dir dann noch ein paar Tafeln Schokolade zugelaufen, vielleicht auch ein paar Belohnungshappen, denn natürlich musst du dieses beschissene Leben unbedingt belohnen. Lass dich also nicht von den Fakten verwirren, denn die Hauptsache ist: Ein gesunder Lebensstil ist teuer, und darüber wird nicht diskutiert.
Wenn du das Fitnessstudio betrittst, vergiss nicht, dich angesichts der vielen durchtrainierten Männer und der auf Figur gestylten Frauen schlecht zu fühlen. Bekomm unbedingt Minderwertigkeitskomplexe und halte Ausschau nach Blicken und Seitenblicken. Beschäftige dich auf keinen Fall mit dir und deinen Zielen, sondern beobachte fleißig, wer gerade schaut, was du machst, wer was über dich denkt und mit welchen Gewichten du trainierst.
Du weißt doch, du bist der Mittelpunkt der Welt, alle reden über dich, vor allem in den Fitnessstudios, in die alle zum Trainieren gehen. Du verstehst das noch nicht, weil du noch nie richtig trainiert hast. Du glaubst immer noch, ein Fitnessstudio sei wie ein Friseursalon, in dem jede Frau bei der anderen nach der Schlampe sucht, aber das ist hier nicht die Plattform. Das ist ein Fitnessstudio und nicht die Redaktion des unfassbar dämlichen Cosmopolitan. Kümmere dich nicht um die anderen, beharre einfach darauf, dass dich alle anschauen, und fühl dich so schlecht, dass du dir nach dem Training selbst bestätigst, dass ein Fitnessstudio nun wirklich nichts für dich ist. Nimm erst ein bisschen ab, dann kommst du wieder.
Ja, das ist das Beste, was du tun kannst: Du gehst wieder hin, wenn du abgenommen hast. Ich nehme an, morgen fängst du auch gleich an. Natürlich nur, wenn morgen Montag ist, aber dann gibt es keine Ausreden. Um deinen Entschluss zu festigen, schlage ich vor, dass du in ein Einkaufszentrum gehst und dir ein paar Nummern kleinere Klamotten kaufst. Scheiß drauf, dass schon drei Schränke mit Klamotten in Größe 32 und 34 voll sind. Kauf dir jetzt einfach noch kleinere Klamotten und bestärke dich damit in dem Gedanken, dass du nächste Woche anfängst. Du hast richtig schöne Klamotten gekauft, und du willst sie auch tragen. Vielleicht passen sie dir sogar schon jetzt, schließlich hast du seit ungefähr vier Stunden nichts gegessen, bist vom Parkplatz auch etwa 600 Meter zu Fuß gegangen, und wer weiß, wie viel Fett du dabei verbrannt hast. Wenn du bei der Idiotenolympiade ganz sicher gehen willst, leg vor dem Shoppen noch einen zehnminütigen Kavitationstherapie-Quatsch ein oder so einen Wickel-Blödsinn, vielleicht sind ja schon 22 Zentimeter weg. Probier sie doch einfach an, vielleicht musst du gar nicht trainieren oder Diät halten.
Nein. Leider hat es nichts gebracht. Leider siehst du in den kleineren Klamotten immer noch so aus, als hätte jemand eine Portion Kutteln gegen den Gitterzaun geschoben, aber macht nichts. Weine nicht. Lass dich nicht entmutigen, du weißt ja: Die Laufschuhe stehen zu Hause in der Ecke, die kleineren Klamotten hast du schon, nächste Woche fängst du an.
Zurück zum Auto. Schon wieder diese verdammte Kälte, aber jetzt ist dir alles egal. Du wirst nicht noch eine Nacht zu Hause durchweinen, nur weil dir dein Aussehen nicht gefällt. Jetzt zeigst du dieser hübschen kleinen Schlampe von einer Kollegin (was sonst?), dass du genauso heiß bist. Nächste Woche fängst du an, darauf kommt es an. Schieb dir ruhig diesen Marzipanriegel rein, jetzt darfst du noch. (Weinen)
Auch vom Oktober sind schon 12 Tage vergangen, und du hast immer noch nicht angefangen, aber das ist nicht deine Schuld, denn letzten Montag war eben ein Mädelsabend mit deinen Freundinnen. Ihr seht euch so selten, und dein Typ ist auch ein Arschloch zu dir. Dieses Glas Rosé hast du dir verdient, und außerdem ist Rosé gar nicht so schlecht.

Wodka? Immer her damit. Warum auch nicht, schließlich weiß jeder halbwegs anständige Vollidiot, dass Wodka diättauglich ist. Ganz genau. In Arschlochstan ist Wodka diättauglich. Ach, der Alkohol enthält Kalorien und Wodka hat 40 %? Kein Problem. Wenn du in der Kiskegyed gelesen hast, dass Wodka diättauglich ist, dann ist er es ganz bestimmt. Na ja, ein Mädelsabend steht dir schließlich zu. Liebe und Wertschätzung stehen dir auch zu, und außerdem stimmt es doch, dass diese Gesellschaft so oberflächlich ist. Denn das Äußere ist nicht alles, es gibt auf der Welt auch menschliche Werte. Menschliche Werte gibt es nämlich wirklich. Wenn du sie wenigstens zwei Tage am Stück zeigen könntest, nicht ständig dem Hedonismus frönen und alles schleifen lassen, während du das Unaufschiebbare mit Ausreden aufschiebst, wäre das schon etwas besser.
Aber wie wir wissen, kommt es bei den menschlichen Werten nicht darauf an, ob man zu seinen Prinzipien und Vorsätzen stehen kann, sich selbst etwas beweist, was nur ein bisschen Anstrengung und Verzicht erfordert, vielleicht seine Schwächen überwindet und sich über seine läppischen Wünsche oder einfach über sich selbst erhebt.
Darauf kommt es bei den menschlichen Werten nicht an, und alle können mich mal, so bist du eben glücklich, und damit basta. (Weinen)
Nachdem du dir klargemacht hast, dass du ein wundervoller Mensch bist und an sich schon wertvoll, sind wir schon Ende Oktober. Ein weiterer Morgen ist angebrochen, ein weiterer verfluchter Montagmorgen, ein weiterer Morgen, an dem du nichts zum Anziehen hast, weil alles schlecht sitzt. Du weißt schon: Die Kleidung macht dick, nicht das Fett. Deine ganze letzte Woche hast du damit verbracht, dir zu sagen, dass dies der Montag wird, an dem alles anders wird. Gestern hast du noch eine riesige Portion Essen bestellt, denn vor der großen Diät ist ein großes Abschiedsfressen natürlich unbedingt nötig. Eine ganze Weile wirst du jetzt nichts so Leckeres mehr essen, also ruinierst du deinen Körper jetzt ein letztes Mal mit allerlei zuckerhaltigem Scheiß, denn wir wissen ja, es gibt nichts Schöneres, als am nächsten Morgen mit ordentlich Kohlenhydraten aufzuwachen.
Du hast einen Bärenhunger und schaust auf die Uhr. Verdammt. Du bist spät dran. Obwohl du alles für deine Diät eingekauft hast, hast du jetzt keine Zeit, dein Essen für den ganzen Tag vorzubereiten. Unterwegs holst du dir eben etwas, natürlich etwas Diätgerechtes. Wo und wann, weißt du noch nicht, aber jetzt hast du keine Zeit zum Kochen, du kommst zu spät.
Das erzählst du jedem: Du hast einfach keine Zeit, dich mit deiner Diät herumzuschlagen, dein Lebensstil lässt das einfach nicht zu, und das versteht niemand. Du arbeitest unglaublich viel, deine Gene sind auch mies, obwohl du alles gibst, aber 24 Stunden reichen dir eben nicht. Vielleicht früher aufstehen? Machst du Witze? Du schläfst sowieso kaum, bist erschöpft, müde, hast keine Energie, der Chef setzt dir auch noch zu, und wenn du vielleicht Kinder hast, ist das dein unschlagbares Ass im Ärmel. Ignorier einfach, dass deine Kollegin auch drei Kinder hat und toll aussieht. Aber ihr hilft bestimmt ein Babysitter, den du dir nicht leisten kannst. Ach, sie verdient genauso viel wie du? Dann hält ihr Mann sie wohl aus. Hauptsache, sie hat es bestimmt leichter als du. Wenn sich deine Ausreden gar nicht zusammenfügen lassen, schieb es eben auf ihren günstigeren Körperbau. Hauptsache, du erklärst dir, warum du nicht ein einziger Haufen Scheiße bist, und sagst dir das immer wieder. Wenn nur einmal jemand an deiner Stelle wäre, dann würde er schon sehen, was die ungarischen Frauen so draufhaben.
Bei der Diät bist du ausgerutscht. Nicht nach 3-4 Tagen, natürlich nicht. Gegen 17 Uhr. (Weinen) Macht nichts, Kleine, der November ist da. Neuer Monat, neue Chancen. Der 1. November fällt auf einen Sonntag, aber macht nichts, jetzt ist es dir egal. Du machst es einfach, und fertig, aber Moment mal.
Ach, jetzt passt es nicht.
Du musst zu deiner Familie. Die 76-jährige Oma kannst du nicht kränken, deine Mutter würde dir den Kopf abreißen, wenn du die Arme damit kränkst, dass du ihren Apfelkuchen nicht isst, den sie nur für euch gebacken hat.
Dann fällt es dir plötzlich ein. Es ist November, der 1. Januar steht ja schon fast vor der Tür. Wozu soll ich jetzt noch anfangen? Die Feiertage kommen, ach, jetzt ist es schon sinnlos. Aber im neuen Jahr …
Und so geht das jeden verdammten Herbst. Immer ein neuer Montag, ein neuer Monat, eine neue Woche, ein „nächstes Jahr dann“. Das Schlimmste daran ist nicht, dass du nie anfängst oder dass du, wenn du anfängst, schon bei den Nachrichten um 19:30 eine riesige Portion Pommes isst, natürlich streng mit leichter Mayonnaise, sondern dass jeder Versuch und jedes Aufgeben danach den großen Neuanfang an Bedeutung verlieren lässt.
Weihnachten gibt es einmal im Jahr, und das feiern wir gebührend. Die Olympischen Spiele finden alle vier Jahre statt, und alle warten darauf, als wäre es ein großes und wichtiges Ereignis im Leben. Aber was wäre, wenn jeden Montag Weihnachten wäre? Irgendwann gäbe es hier keinen Weihnachtsbaum mehr, keine Krawatte, keinen familiären Wahnsinn mit den Verwandten. Das Ereignis, dieses bestimmte Datum, würde an Bedeutung verlieren, weil es immer ein neues, ein nächstes gibt, an dem man es nachholen kann.
Eine Änderung des Lebensstils hängt nicht von Daten ab, sondern davon, wann du in deinem Kopf Ordnung schaffst. Auch das Aufräumen kann man aufschieben, aber du weißt ja, besonders sinnvoll ist das nicht, denn irgendwann wird der Müllberg so groß, dass es dich unmenschlich viel Kraft kosten wird, wenigstens die Hälfte davon rauszubringen, und das Gesundheitsamt klopft danach immer noch bei dir an die Tür.
Es ist der 1. September. Du entscheidest, ob dieser Beitrag von dir handelt oder ob du einfach über die Frauen lachst, über die er geschrieben wurde. Im Oktober poste ich diesen Beitrag wieder. Mal sehen, wer bis dahin eingehalten hat, was er sich mitten im Sommer so fest vorgenommen hatte: im September damit anzufangen …
