Kopien
Mitte der 90er-Jahre verliefen meine Sommerferien nicht gerade so wie heute. Zugegeben, auch die 8- bis 12-Jährigen feiern heutzutage nicht gerade auf Kazantip ab, aber die Auswahlmöglichkeiten sind heute unvergleichlich größer als damals.
Mit zehn beschränkten sich meine Sommerferien auf das Hin- und Herwandern zwischen meinen beiden Großelternpaaren. Das bedeutete in meinem Fall, dass meine Großeltern entweder auf unserem Grundstück in Gödöllő versuchten, aus mir einen Menschen zu machen, oder ich meinen Alltag in der Plattenbausiedlung an der Fehérvári út fristete.
Ich muss wohl nicht sagen, dass die Plattenbausiedlung nicht gerade Miami Beach war, aber auch kein Pionierlager in Csillebérc. Und da ich immer nur ein paar Wochen dort verbrachte, hatte ich auch kaum Gelegenheit, große Freundschaften zu schließen. Manchmal nahm mich mein Opa natürlich mit runter zum Spielplatz, um mit der Schaufel zu hantieren, aber das ist nun wirklich nicht die Art von Beschäftigung, an die man bei feuchtfröhlichen Abenden Geschichten knüpfen kann, die das Leben prägen.
Wir sprechen von den 90er-Jahren. Damals war das Internet noch nicht einmal in Sicht, Mobiltelefone gab es in der klassischen Festnetzvariante von Matáv, und das Angebot an Kabelfernsehsendern war auch nicht wie heute, wo man inzwischen sogar für die Selbstbefriedigungsgewohnheiten von Orang-Utans eigene Themensender einrichtet.
Unter diesen Umständen und um nicht völlig durchzudrehen, musste ich mir tägliche Routinen schaffen. So entwickelten sich bei mir fantastische Beschäftigungen wie etwa, Opa jeden Morgen beim Rasieren zuzusehen, bevor er zur Arbeit ging. Barbon, Old Spice und eine Wilkinson-Klinge. An die Zutaten erinnere ich mich noch, was rückblickend ziemlich traurig ist, aber damals waren das für mich echte Ereignisse.
Die Tage vergingen, und plötzlich bemerkte ich, dass ich Opas Rasierschaum klaute und mich mit einem aus der Küche geholten Streichmesser genauso rasierte, wie ich es bei Opa gesehen hatte. Ich respektierte den Alten und hatte immer zu ihm aufgeschaut, also machte ich, was er tat, gedankenlos nach.
Aber nicht nur bei ihm war das so. Mein Vater spielte Fußball, also spielte ich auch Fußball. Meine ganze Familie war rechts, also wurde auch ich rechts. Alles, was ich sah, prägte sich mir ein und bestimmte meine Gegenwart, meine Gedanken, mein Verhalten und meine Handlungen. Die Sache mit dem Rasierschaum ist nur ein völlig unbedeutender Teil davon, zeigt aber sehr genau, wie ein Kind Vorbildern folgt und sie nachahmt. Es kopiert einen Lebensweg, ein System, Verhaltensnormen und Reaktionen gleichermaßen und findet sich so in diesem sehr verworrenen, oft undurchschaubaren, komplexen Durcheinander zurecht.

Viele denken, Erziehung beschränke sich auf verbale Kommunikation, das Füttern des Kindes und die Bereitstellung der nötigen Grundlagen wie Kleidung und Schulbildung sowie die Vermittlung grundlegender ethischer und moralischer Werte. Doch das ist leider viel zu wenig und am wenigsten prägend. Es zählt nur, was wir sehen und was wir von den Menschen sehen, die uns am nächsten stehen. Es zählen die Menschen, die wir lieben, zu denen wir aufschauen und die wir nicht zuletzt als unsere Führungspersonen anerkennen, denn darum geht es letztlich in einer Eltern-Kind-Beziehung. Die Eltern und ihr Leben, und die Kinderaugen, die all das beobachten.
Wir sind Kopien, Kopien unserer Eltern. Wir leben so, haben vor denselben Dingen Angst und halten an denselben Dingen fest, die wir bei unseren Eltern gesehen haben, an der Art, wie sie vor unseren Augen lebten, als wir besonders empfänglich waren. Und wir haben alles nachgemacht. Wenn wir sahen, dass unser Vater jeden Tag spätabends nach Hause kam, hielten wir das für normal. Wenn unsere Eltern in einer lieblosen, beschissenen Ehe lebten, werden wir nie an die Kraft einer Beziehung glauben. Wenn der tägliche Speiseplan zu Hause aus den ausgesucht beschissensten Gerichten bestand, werden wir wahrscheinlich auch den Drecksfraß essen und dabei denken, das sei normales Essen und alles andere nur hungern und darben, leere Kalorien.
Das sind die tiefsten Prägungen, die sich in uns festgesetzt haben. Wenn wir selbstständig werden, überdenken wir sie zwar und erkennen dabei ihre Fehlerhaftigkeit, doch sie zu ändern gelingt uns nur sehr schwer oder überhaupt nicht.
Unsere Verantwortung als Eltern und unsere wichtigste Erziehungsmethode bestehen darin, ein Leben zu führen, das aus dem Kind, wenn es uns nachahmt, mit großer Wahrscheinlichkeit einen Menschen mit Charakter macht. Am wirksamsten erziehen wir unsere Kinder durch die Art, wie wir Tag für Tag leben, und dafür braucht es keine Ohrfeige. Das lernt man nicht aus lächerlichen Büchern darüber, „wie man Kinder erzieht“; man muss einfach ein Vorbild sein, dem es sich lohnt, nachzueifern, und zulassen, dass das Kind uns nachahmt. Natürlich ist das nicht so einfach, denn auch wir kommen irgendwoher. Doch jedem steht die Möglichkeit offen, bis dahin zu einem Menschen zu werden, dessen Beispiel es sich lohnt, nachzuahmen und die Kopie einzurahmen, statt sie zerknüllt in den Papierkorb zu werfen. Irgendwann kommt der Punkt, an dem es nicht schaden kann, uns ehrlich mit uns selbst auseinanderzusetzen und zu prüfen, ob wir selbst wirklich ein Leben führen, ob wir so aussehen und ob unsere Lebensweise in ihrer jetzigen Form tatsächlich nachahmenswert ist. Uns selbst können wir täuschen, aber nicht mehr das Kind, denn es wird alles sehen. Ihm kann man nichts vormachen.

Ich bin sicher, dass die meisten sich längst problemlos eingeredet haben, auch dick glücklich zu sein. Oder wenn das schwerfiel, hast du eben die Menschen gesucht, die dir das erfolgreich eingeredet haben. Aber all das spielt jetzt keine Rolle. Mit deinem eigenen Leben kannst du machen, was du willst, das ist tatsächlich deine Entscheidung. Doch wenn du das Leben und die Zukunft eines neuen Menschen bestimmst, solltest du vielleicht das Märchenbuch weglegen, das du dir seit Jahren selbst vorliest. Denn sonst siehst du am Ende das Abbild deines eigenen Lebens in deinem Kind, und dieser Spiegel des Lebens wird für dich wahrlich kein schöner Anblick sein.
Übergewicht ist nicht nur ein optisches Problem. Übergewicht ist die Folge einer Lebensweise ohne Regeln und ohne Charakter. Einer Lebensweise, bei der sich die Menschen nicht bewegen, sich im Alltag ungesund und völlig unregelmäßig ernähren und keinerlei menschliche Qualitäten erfordert werden. Und das soll nun ein Vorbild sein? Möchtest du wirklich, dass dein Kind einem solchen Vorbild folgt? Dein Kind wird es nämlich nachahmen und diesem System folgen. Es wird der Unregelmäßigkeit an sich folgen, deren direkte Folge Übergewicht und gesundheitliche Probleme in einer Lebensphase sind, die das ganze Leben prägt.
Es ist nicht unsere Pflicht, unser eigenes Leben besser, schöner und gesünder zu machen. Wir lernen nicht für uns selbst, schaffen uns keine Existenzgrundlage und nehmen nicht die vielen Erscheinungsformen der Kultur in uns auf, sondern bereiten ein neues Leben vor und geben unsere bis dahin erworbenen, bestmöglichen Lebenserfahrungen weiter. Nicht mit Worten, sondern durch Taten, indem wir unser Leben leben und uns stets entsprechend verhalten.
Unsere Lebensstiländerung ist in erster Linie nicht unseretwegen nötig, sondern damit unser Lebensstil, wenn die Zeit eines Tages gekommen ist, als Vorbild dienen kann, dem es sich lohnt zu folgen. So treiben wir den Wagen unserer Entwicklung voran und erziehen eine gesunde Gesellschaft, auf der sich aufbauen lässt.
