Persönlichkeitstypen
Warum löst dieselbe Lebenssituation bei einem Menschen Mut aus, bei einem anderen Angst, bei einem dritten Wut und bei einem vierten Mitgefühl? Warum reagieren zwei Geschwister auf dieselbe Erziehung völlig unterschiedlich? Warum will jemand sein ganzes Leben lang führen, während ein anderer lieber still beobachtet und wieder ein anderer mit aller Kraft daran arbeitet, dass sich alle um ihn herum wohlfühlen? Und vielleicht die wichtigste Frage.
Sind wir wirklich so, oder haben wir einfach nur gelernt, so zu funktionieren?
Das Enneagramm sucht Antworten auf diese Fragen. Es gibt keine schnellen Antworten, klebt Menschen keine einfachen Etiketten auf und versucht nicht, die menschliche Persönlichkeit in wenigen Sätzen zu erklären. Vielmehr gibt es dir eine Landkarte an die Hand. Eine Landkarte, die dir hilft zu verstehen, was in dir vorgeht, auch wenn du selbst nicht verstehst, warum du so denkst, fühlst oder handelst.
Die meisten von uns leben ihr Leben in dem Glauben, unsere Persönlichkeit sei unsere Identität. Wir sagen: So bin ich, so ist eben meine Art. Das Enneagramm bietet jedoch eine ganz andere Perspektive. Es sagt: Unsere Persönlichkeit ist nicht das, was wir heute wirklich sind, sondern das Ergebnis einer Strategie, die wir schon sehr früh entwickelt haben, um uns in der Welt sicher zu fühlen. Als Kinder haben wir alle erlebt, dass bestimmte Verhaltensweisen uns der Liebe, der Akzeptanz oder der Sicherheit näherbrachten. Andere Verhaltensstrategien sollten dagegen Schmerz, Zurückweisung oder Enttäuschung mindern. Unser Gehirn begann daraufhin, die Muster zu wiederholen, die funktionierten.
Mit den Jahren helfen uns diese Muster jedoch nicht mehr, sondern schränken uns ein. Später wenden sie sich gegen uns, wenn wir uns nicht mit ihnen auseinandersetzen. Dieselbe Eigenschaft, die uns in der Kindheit geschützt hat, kann im Erwachsenenalter leicht zum größten Hindernis für unsere Beziehungen, unsere Arbeit oder unseren Umgang mit uns selbst werden. Aus Perfektionismus wird Zwanghaftigkeit. Aus Hilfsbereitschaft wird Selbstaufgabe. Aus dem Wunsch nach Erfolg wird ein ständiger Drang, sich beweisen zu müssen. Aus Vorsicht wird Angst. Aus Stärke wird Kontrollbedürfnis. Und aus dem Streben nach Frieden wird, dass wir uns selbst völlig zurücknehmen.
Genau deshalb fragt das Enneagramm nicht, wie du bist. Vielmehr fragt es: Was treibt dich innerlich an? Wovor hast du am meisten Angst? Wonach sehnst du dich am tiefsten? Welche unsichtbare Kraft lenkt deine Entscheidungen immer wieder in dieselbe Richtung, selbst wenn du weißt, dass du anders handeln solltest?
Das unterscheidet es von den meisten Persönlichkeitsmodellen. Zwei Menschen können nach außen hin fast völlig gleich sein. Beide sind erfolgreich, entschlossen, selbstbewusst und leistungsstark. Der eine arbeitet jedoch unermüdlich, weil er beweisen möchte, dass er ein wertvoller Mensch ist, der andere, weil er von niemandem abhängig sein möchte, und der dritte, weil er sich nur sicher fühlt, wenn er jedes Detail unter Kontrolle hat. Von außen sehen wir dasselbe. Innerlich spielen sich ganz unterschiedliche Geschichten ab.
Das System unterscheidet neun grundlegende Persönlichkeitstypen. Es ist jedoch wichtig zu verstehen, dass dies keine Schubladen sind, in die man Menschen stecken kann. Es geht nicht darum, dass es auf der Welt nur neun Arten von Menschen gibt. Vielmehr betrachten wir dieselbe Wirklichkeit aus neun grundlegenden Perspektiven. Als würden wir dieselbe Landschaft von neun verschiedenen Berggipfeln aus betrachten. Die Landschaft ist dieselbe, doch der Anblick ist aus jeder Perspektive anders.
Manche suchen nach Ordnung, weil sie glauben, nur so gute Menschen bleiben zu können. Manche finden sich selbst in der Liebe anderer. Manche bauen ihr Selbstwertgefühl durch Leistung auf. Manche sehnen sich nach Einzigartigkeit, weil sie Angst haben, gewöhnlich zu sein. Manche versuchen, die Welt durch Wissen vorhersehbar zu machen. Manche bereiten sich ständig auf Gefahren vor. Manche füllen ihr Leben mit neuen Erlebnissen, um dem Schmerz nicht begegnen zu müssen. Manche schützen sich und andere mit ihrer Stärke. Und manche stiften lieber Frieden, selbst wenn sie dafür ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen müssen.
Vielleicht haben einige von Ihnen sich schon beim Lesen in einer der Beschreibungen wiedererkannt, doch die Tiefe des Enneagramms zeigt sich nicht im ersten Eindruck. Je weiter du voranschreitest, desto klarer wird dir, dass nicht das Verhalten zählt, sondern die innere Motivation, die dieses Verhalten hervorbringt.
In den folgenden Beiträgen gehen wir alle neun Persönlichkeitstypen ausführlich durch. Wir sehen uns an, worin ihre größte Stärke liegt, welche besondere Fähigkeit sie der Welt schenken können, aber auch, wo ihre größten Fallstricke lauern. Wir werden verfolgen können, wie sich ein und dieselbe Persönlichkeit verändert, wenn sie ausgeglichen ist, unter Stress steht und sich auf den Weg der Entwicklung begibt. Denn wir alle können uns weiterentwickeln, reifer werden und uns nach und nach von den Mustern lösen, die uns einst geschützt haben, uns heute aber zurückhalten.
Am Ende der Reihe über Persönlichkeitstypen wirst du dich selbst ganz anders sehen. Noch besser wäre es vielleicht, wenn du auch die Menschen in deinem Umfeld ganz anders betrachten würdest: Wenn wir verstehen, dass hinter dem Verhalten eines anderen Menschen keine Böswilligkeit, sondern eine tief verwurzelte Überlebensstrategie steckt, weicht die Wut langsam der Neugier und das Urteilen dem Verständnis. Natürlich kann es auch sein, dass der andere einfach ein hinterhältiger Wurm ist. In diesem Fall ist es umso hilfreicher, möglichst früh zu erkennen, mit wem du es zu tun hast, denn die Menschen um uns herum beeinflussen uns, unsere Entscheidungen und den Verlauf unseres ganzen Lebens. Manche bringen Freude und Glück, andere Gefahr und Unsicherheit. Wir sollten auf unsere Mitmenschen achten, denn wer an unserer Seite ist, beeinflusst maßgeblich den Verlauf unseres Lebens. Familie, Freunde, Kollegen und die Hunderte von Fremden, denen wir täglich begegnen. Menschen sind überall und beeinflussen uns auf viele verschiedene Arten, aber oft muss man nicht einmal miteinander sprechen: Schon ein Blickkontakt oder eine deutlich spürbare Schwingung genügt.
Wenn wir Menschen nicht gut genug einschätzen können, kann uns Schreckliches widerfahren. Aber natürlich ist das Leben nicht nur ein Wurmlabyrinth, auch das Gegenteil ist wahr: In vielen Fällen stellt sich heraus, dass wir die Person, die wir anfangs für eine unsympathische Ratte hielten, doch nicht gleich der Polizei melden müssen. Wenn wir Menschen nicht gut genug kennen, übersehen wir vielleicht auch den Diamanten zwischen den Kieseln oder geben eine Beziehung zu schnell auf, obwohl es sich gelohnt hätte, sie zu retten. Ohne ausreichende Selbsterkenntnis können andere uns verletzen oder wir andere, ohne überhaupt zu wissen, was wir tun.
Laut Kierkegaard sollten wir am strengsten mit uns selbst sein und nach jeder misslungenen Situation prüfen, wo wir Fehler gemacht und was wir falsch gemacht haben. Das beste Beispiel dafür ist ein beliebiger Partner eines Ehepaars, den wir fragen, warum die Ehe in die Brüche gegangen ist: Beide könnten endlos aufzählen, was der ANDERE falsch gemacht hat und woran der ANDERE schuld war. Würden wir dasselbe Paar jedoch fragen, was jeder selbst falsch gemacht hat oder wofür er verantwortlich ist, dass es schließlich zur Scheidung kam, würde es sofort still wie im Hühnerstall.
Wenn wir uns durch die Beiträge dieser Reihe über die Persönlichkeitstypen arbeiten, werden wir erkennen, dass wir niemanden wirklich kennenlernen können, bevor wir uns selbst kennengelernt haben. Die Welt der menschlichen Natur ist riesig. Deshalb ist es hilfreich, eine Karte zu haben, die uns beim Verständnis hilft. Doch richtig lesen können wir sie nur, wenn uns eine verlässliche Methode zur Verfügung steht, mit der wir herausfinden können, wer wir wirklich sind und vor allem, wie wir funktionieren. Diese Karte ist das Enneagramm.
Die neun Persönlichkeitstypen des Enneagramms.
Der 1er Reformer steht für Ordnung, Gerechtigkeit und Gewissen und möchte die Welt stets verbessern.

Der 2er Helfer sucht Nähe, kümmert sich um andere und freut sich, wenn er gebraucht wird.

Der 3er Motivator setzt sich Ziele, entwickelt sich weiter, erzielt Erfolge und kann auch andere inspirieren.

Der 4er Individualist erlebt Gefühle intensiv, sucht nach Einzigartigkeit und sieht die Welt mit besonderer Sensibilität.

Der 5er Forscher strebt nach Verständnis, analysiert und ordnet gerne und sucht nach Zusammenhängen.

Der 6er Loyale sucht Sicherheit, denkt vorausschauend, ist ausdauernd und kann anderen ein äußerst verlässlicher Gefährte sein.

Der 7er Enthusiast ist neugierig und voller Energie und Ideen. Mit nahezu unerschöpflicher Begeisterung entdeckt er die Möglichkeiten des Lebens.

Der 8er Anführer übernimmt ganz selbstverständlich Verantwortung, steht für sich und andere ein und scheut sich nicht, Herausforderungen zu begegnen.

Der 9er Friedensstifter kann Menschen verbinden, Harmonie schaffen und eine Ruhe ausstrahlen, in der sich auch andere sicher fühlen.

Die meisten konnten sich selbst oder jemand anderen aus ihrem Umfeld anhand dieser wenigen Angaben schon einordnen. Natürlich ist dies nur eine sehr kurze, oberflächliche Zusammenfassung der neun Persönlichkeitstypen. In den weiteren Beiträgen der Reihe werden die Typen ausführlich und sehr detailliert analysiert.
Es wird schwer sein zu erkennen, dass wir zwar glauben, etwas ganz Besonderes zu sein, in Wirklichkeit aber nur Teil einer sehr großen Gruppe sind, in der sich alle Menschen genau gleich verhalten - je nachdem, in welchem Zustand sie sich gerade befinden. Dann wird es diesen Moment der Erkenntnis geben, in dem wir jemanden wiedererkennen und enttäuscht sein werden. Doch noch eindringlicher wird der Spiegel sein, in den wir selbst schauen müssen. Manche werden dazu in der Lage sein, andere überhaupt nicht. Einige werden darüber nachdenken, manche tief in sich hineinschauen und ihr Leben grundlegend verändern. Andere wiederum werden wütend, frustriert und zornig sein, denn viele Menschen sind völlig unfähig zur Selbstreflexion oder auch nur dazu, sich selbst einzugestehen, dass sie etwas falsch gedacht oder falsch gemacht haben. Wie unsere Umgebung uns beeinflusst, hängt nicht davon ab, welcher äußere Reiz auf uns einwirkt, sondern davon, in welchem Zustand wir uns befinden, wenn dieser Reiz bei uns ankommt. Das entscheidet darüber, wie wir auf eine Nachricht, die Meinung eines Menschen oder sogar auf diese Beitragsreihe reagieren.
Diese Reihe bietet weder Lösungen noch eine Anleitung oder Vorgaben dazu, wie jemand leben sollte, um glücklicher zu werden. Jeder nimmt aus dieser Reihe so viel mit, wie er möchte oder verkraften kann. Wir selbst sind für unser Leben verantwortlich und entscheiden, nach welchen Regeln und innerhalb welcher Grenzen wir leben.
Diese Reihe ist kein Selbsthilfematerial und sagt dir nicht, was du tun musst, wenn du ein besserer Mensch werden willst. Sie stellt Persönlichkeitsmerkmale und die Zustände innerhalb dieser Persönlichkeitsmerkmale vor. Außerdem ist sie auch kein Rezept dafür, wie man innerhalb eines Persönlichkeitszustands besser funktionieren sollte. Natürlich habe ich auch dazu Ideen, aber das möchte ich jetzt (vorerst) nicht damit vermischen.
Die Reihe über Persönlichkeitstypen und das Enneagramm vermitteln Wissen. Doch Wissen allein reicht nicht aus, damit wir uns verändern - genauso wenig, wie du allein dadurch abnimmst, dass du einen Diätplan kaufst. Das gelingt nur, wenn du dich auch an die darin beschriebenen Vorgaben hältst.
Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Wissen und Leistung.
Wissen allein reicht einfach nicht aus, um glücklicher zu werden. Wenn es reichen würde, wären die gebildetsten und am besten ausgebildeten Menschen die besten und glücklichsten Menschen. Sich selbst kennenzulernen kann nur ein Mittel sein, um unsere Ziele zu erreichen, in diesem Fall ein glücklicheres Leben mit höherer Lebensqualität. Diese Beitragsreihe beantwortet nicht die schwierigen Fragen des Lebens, mit denen wir konfrontiert werden, und sie kann uns auch nicht den beständigen Mut vermitteln, der nötig wäre, um unsere Grenzen zu setzen.
Diese Reihe ist eine Möglichkeit. Genau so eine Möglichkeit, wie sie jetzt auch zu Tausenden um dich herumliegen. Nur sind Möglichkeiten eben so, dass man Arbeit hineinstecken muss. Wenn du das nicht tust, wird sich dein Leben genauso wenig verändern, als wäre nie etwas da gewesen, als wären wir nie da gewesen.
Nichts auf der Welt, auch nicht in Bezug auf uns selbst, hat eine endgültige, objektive Wirklichkeit; es gibt keine universelle Wahrheit. Doch statt die Antworten erfahren zu wollen, sollten wir uns vielleicht erst die richtigen Fragen stellen, denn nur mit ehrlichen, ungefilterten Fragen können wir zur Wahrheit über uns selbst gelangen.
Wenn wir uns dem stellen können, wer wir sind oder zu wem wir geworden sind, ist das der erste und wichtigste Schritt, um uns endlich von einer Reihe schmerzhafter Verhaltensmuster zu befreien, die unseren Alltag einschränken, und von falschen Vorstellungen darüber, wer wir sind. Hier beginnt unser Weg zu einem erfüllteren Leben, an dessen Ende das steht, wonach wir schon immer gesucht haben. Was auch immer das sein mag.
Für die Reihe über Persönlichkeitstypen habe ich neben meinen eigenen Gedanken die Bücher und Werke der folgenden Autorinnen und Autoren sowie zusammenfassende Schriften zu ihren Forschungsergebnissen verwendet.
Claudio Naranjo — Charakter und Neurose
Isabel Briggs Myers — Gifts Differing
David Keirsey — Bitte versteh mich
Otto Kroeger — Type Talk
Paul Costa & Robert McCrae — Persönlichkeit im Erwachsenenalter
Don Richard Riso & Russ Hudson — Die Weisheit des Enneagramms
Annie Murphy Paul — Der Kult des Persönlichkeitstestens
Friedrich Nietzsche — Jenseits von Gut und Böse
Søren Kierkegaard — Furcht und Zittern
Hannah Arendt — Vita activa oder Vom tätigen Leben
Jean-Paul Sartre — Das Sein und das Nichts
Immanuel Kant — Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
Arthur Schopenhauer — Die Welt als Wille und Vorstellung
